So. Jan 26th, 2020

Flensburg Photography

Magazin über Fotokunst & alternative Fotografie

6x9 cm custom made pinhole Camera with 0,2 mm pinhole from RSS, F/170, Ilford FP4, 4 min exposure, D76 1+1

oder wie wir die Wirklichkeit zurückholen.

Die Fotografie an sich ist für viele Menschen ja schon ein Mysterium. So selbstverständlich wie JEDER heute sein Smartphone zum Fotografieren benutzt, so verwirrend und unbekannt sind dann tatsächlich die einzelnen Verfahren. Unabhängig von dem, was die Fotografie in der Kunst darstellen möchte oder was Bilder mit dem Betrachter machen, gibt es natürlich andere Aspekte der Fotografie. Die Lochbildkamera ist die einfachste und ursprünglichste Art ein reales Abbild zu erzeugen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten statt Ihrem Smartphone einen Schuhkarton, eine Kaffeedose oder einen Reisekoffer, mit dem Sie Ihre Bilder machen würden. Das Einzige, was diese Kisten benötigten wäre ein kleines Loch auf der Vorderseite.

Hört sich das für Sie absurd an? Verstehen könnte ich es, aber es funktioniert trotzdem.

Das Verfahren der Lochbildfotografie bzw. der Camera Obscura (der dunkle Raum) ist schon seit der Antike bekannt und nutzt die Eigenschaft des Lichtes sich geradlinig auszubreiten.

Zum Festhalten der Motive wurden früher in der Kunst oft dafür Kohlestifte benutzt. Heute sind es fotografische Filme, Papiere oder sogar digitale Chips, die diese unverfälschten Bilder festhalten können. Dieses Einfache hat natürlich seine Tücken wie zum Beispiel die Intensität des Lichtes. Je besser und kleiner das Loch ist, desto weniger Strahlen kommen hindurch. Die Folge ist, dass es sehr, sehr dunkel wird.

Und hier beginnt eine der Faszinationen der Lochbildfotografie. Es geht um ZEIT. Belichtungszeiten von einer halben Stunde und mehr sind je nach Größe der Kamera nichts Ungewöhnliches. Alles, was sich bewegt wird durchsichtig oder zumindest unscharf auf dem Bild. Dieser Effekt kommt besonders dann zum Tragen, wenn wir Landschaften am Meer fotografieren. Bewegtes Wasser sieht oft wie Watte aus und Strände können selbst im Sommer ungewöhnlich leer sein.

Alles in allem gibt es noch viele andere Eigenschaften, die im Speziellen für unterschiedliche Effekte sorgen. Darunter die Größe und die Form der Bildfläche, die sichtbar auf das zukünftige Bild eingreift.

Eine ausreichende Schärfe und vor allem Unschärfe erzeugen ganz eigene Bildwirkungen, die dem Betrachter Informationen geben oder entziehen. Eine Schärfe, die er im Gegensatz zur herkömmlichen Fotografie oft ganz anders empfindet.

Die Zeit hingegen ist für mich das tragendste Element, weil es mich selbst während des Fotografierens ruhig stellt. Man macht sich Gedanken über das Bild, das zugleich in der Kamera wie auch im Kopf entsteht. Es gibt keinen Sucher wie bei einer modernen Kamera und schon gar keinen Monitor wie bei einem Smartphone. Alle Einstellungen müssen geschätzt werden und erst am Ende in der Dunkelkammer wird das fertige Bild wirklich sichtbar. Das ist besonders dann entscheidend, wenn man mit besonders großen Kameras agiert und für ein bestimmtes Motiv nur eine einzige Aufnahme zur Verfügung steht.

Fischbude auf dem Bollwerk in Flensburg
Römö Motorfestival : 0.2 mm Pinhole F/170, Orwo NP 20, 6×9 cm custom made camera, 10 sec exposure 

Neben der Zeit geht es natürlich auch um die Größe der Kamera, die verschwindend klein oder riesig groß sein kann. Oft wird sie gar nicht als Kamera wahrgenommen und somit auch nicht als Bedrohung empfunden. Am Rande einer solchen fotografischen Aufnahme können interessante Gespräche entstehen. Darüber hinaus ist jede Kamera einzigartig und erzeugt ihr eigenes Bild. Selbst Fehler haben ihre ganz eigene Faszination. Es gibt viele Aspekte, die das gemachte Bild jenseits von Selfieknipserei, Photoshop und anderen extrem manipulativen Verfahren erst einmal in ein ganz anderes Licht rücken können. Gleichzeitig können sie dem Betrachter das Gefühl geben etwas wirklich Wahrhaftes und Ursprüngliches zu sehen.

Mühlenteich in Krusau im Gegenlicht